Berlin und ich. Oder: das Überwinden von eigenen Hürden.

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Seit ich mit 15 Jahren vom Großstadttrubel Berlins in ein idyllisches Städtchen am Bodensee gezogen bin, wollte ich immer wieder zurück. Zurück in die Heimat, in die lauten, bunten Ecken Berlins, zurück zu Gäsenblümchen, die neben Beton blühen, zu
Sonnenuntergängen hinter beschmierten Industriegebäuden, zu Nächten, die zum Tag wurden, einfach, weil man wollte. Und nicht, weil der erste Zug erst wieder um 5.30 Uhr morgens fuhr und man deshalb den Verdruss über die fürchterliche Musik mit einem weiteren fürchterlichen Bier ertrinken muss, um durchzuhalten. Ja, ich übertreibe. Der Bodensee ist schön. Stellenweise zumindest. Ich mag das Städtchen, in dem wir gewohnt haben, zwar immer noch nicht besonders, weil es an Zynismus grenzt, den kleinen Tümpel dort als zum Bodensee zugehörig zu bezeichnen, aber es gab unglaublich tolle Dinge dort. Und unglaublich tolle Menschen. Was für wundervolle Momente ich manchen Menschen aus meiner Bodensee-Zeit zu verdanken habe, wie wir gefeiert, gelacht, gesungen, getanzt und gelebt haben, so wie ich immer in Berlin feiern, lachen, singen, tanzen und leben wollte. Denn meist waren diese tollen Momente von dem Gedanken überschattet: “In Berlin wäre das jetzt alles noch viel schöner.”


 

Berlin war immer meine Messlatte für alles. Ich bin nicht freiwillig umgezogen, was diese Messlatte nur noch höher gelegt hat. Denn ich bin gegangen, als ich gerade anfing, richtig mit meinem Leben in Berlin anzukommen. Klar ist es meine Heimat und ich kannte bis zu dem Zeitpunkt auch nicht viel anderes. Aber mit 15 war ich gerade dabei, mir all die Möglichkeiten in dieser verrückten Stadt selbst zu erschließen und Lieblingsplätze zu entdecken. Tja, Pustekuchen. Und somit entwickelten sich meine erträumten Berlin-Abenteuer, die ich aus Erzählungen meiner Freunde und eigenen Träumen zusammensetzte, in Idealvorstellungen, die sich – wie sich herausstellte – niemals erfüllen würden.

Ich habe immer wieder versucht, dieses Idealbild in Berlin zu finden und bin immer wieder vor der Stadt weggelaufen, um mit neuem Blick wiederzukommen. Aber immer noch keine Spur von dem Ort, den ich mir so sehr gewünscht habe. Wo bleibt denn nun dieser magische Moment, in dem ich Berlin von oben bis unten glitzern und funkeln sehe? In dem ich wie in einer Wattewolke umhüllt durch die Stadt tänzel und eine goldene, wohlig-warme Flüssigkeit meinen Körper durchflutet?

 

 

 

 

Tja, liebe Jessy. Dieses Gefühl findest du wohl nur in dir selbst.

Mit meinen Erwartungen, genau das zu erleben, zu fühlen und zu sehen, was ich mir vorstelle, verbaue ich mir wieder einmal die schönen Momente. Es hat sieben Jahre, zwei längere Auslandsaufenthalte und einen besonderen Menschen gebraucht, bis ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin. Berlin ist nicht der Mittelpunkt des Universums. Oder um es mit Prinz Pi auszudrücken: “Das ist nicht der Nabel der Welt, aber auch nicht ihr Arsch.” Es gibt überall schöne und aufregende Sachen, aber genauso gibt es auch überall kuriose und schlechte Sachen. Es ist nicht nur immens wichtig, seine eigenen Maßstäbe und Ansichten immer wieder aufrichtig (!) zu hinterfragen und sie gegebenenfalls auch mal über den Haufen zu werfen, sondern es kann auch unheimlich spannend sein. Ich sage nicht, dass ich von heute auf morgen ein komplett anderer Mensch bin und ich nehme auch an, dass sich diese Hassliebe zu Berlin mein Leben lang fortführen wird. Aber ein kleiner Schritt aus meiner Wohlfühlblase Richtung frischer Luft lässt mich Dinge mit anderen Augen sehen. Es lässt Bekanntes in neuem Licht erscheinen und es lässt Neues in Erscheinung treten.

Dieser kleine Schritt aufrichtige Distanz lässt nicht nur Berlin glitzern und funkeln, sondern jeden einzelnen Moment, den ich bewusst genieße. Das ist die erste Lektion, die mir das Reisen beigebracht hat, aber definitiv nicht die einzige.

Dieser Artikel ist im Rahmen von Maria Anna’s Blogparade entstanden, in der es um Lektionen geht, die einem das Reisen lehrt. Sie ist eine große Inspiration und bringt mich mit ihren Posts immer zum Lächeln, Nachenken, Lachen oder alles auf einmal!

8 Antworten

  1. Gut geschrieben, aber wo bist Du nun Zuhause?????
    Opi

  2. Daniela Annette

    Das ist toll, dass Oma und Opa deinen Blog lesen und kommentieren
    Kuss

  3. Toll! Berlin lässt mich auch nicht los, wenn ich auf Reisen bin.

    • Lieber Robert,
      ja, Berlin ist schon ganz schön einzigartig.. Und ich vermisse es bereits ein wenig! Aber ich weiß ja, dass ich irgendwie doch immer wieder zurückkomme 😉
      Liebe Grüße,
      Jessy

  4. Hi Jessy,
    lustig, bei uns ist es umgekehrt. Mein Mann und ich kommen vom Land und sind aus Jobgründen in die Stadt gezogen. Wir fühlen uns irgendwie nicht zu Hause, aber immer wenn wir in die Heimat fahren, fragen wir uns was wir denn überhaupt vermissen.
    Ich glaube wir müssen mal unser verklärtes Heimatbild loslassen und anfangen im Hier und Jetzt zu leben.
    Bs dahin sind wir einfach in der ganzen Welt zu Hause 😉
    Liebe Grüße
    Jenny

    • Hey Jenny,
      haha, ja, kann natürlich auch so rum funktionieren 😀 Die Sache mit der Heimat ist schon ganz schön seltsam. Oder besser gesagt mit dem Heimatgefühl.. Aber irgendwie auch schön :)
      Liebe Grüße,
      Jessy

  5. Berlin ist ja auch nur eine Stadt wie alle anderen. Und naja, irgendwie dann doch nicht. Ich kenne das auch, denn ich hege sowohl Köln als eben auch Berlin in meinem Herzen… 😉

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