Augen zu und durch!

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“Ich bin kein Hobo, das machen viele Leute so!”

… höre ich, wie sich eine weibliche Stimme in meinen Kopfhörern über diese falsche Beschuldigung aufregt. Es handelt sich um ein Hörbuch. Genauer gesagt das Hörbuch “Der große Trip” von Cheryl Strayed, das ich schon seit vor Beginn meiner Reise durch Mexiko angefangen zu hören habe. Cheryl wandert auf einem sehr langen und sehr anstrengenden Wanderpfad, mehrere Monate lang und durch den Schnee der Sierra Nevada und durch die Wüstenhitze Kaliforniens. Hin und wieder kommt sie aber doch mal vom quasi menschenleeren, naturbelassenen Track ab und trifft in eben dieser Stelle, die ich am Anfang zitiert habe, auf einen Journalisten, der sich für ihre Geschichte interessiert. Nur eben fest in der Annahme, Cheryl sei eine Obdachlose, die einfach wandert, weil sie kein Zuhause hat. Während Cheryl diese Behauptung anfänglich vehement bestreitet, wird ihr im Laufe des Gespräches jedoch klar, dass dieser Vergleich gar nicht so abwegig ist. Beim Hören kommt mir diese Situation irrwitzig vor; ein Mensch, der all seine Habseligkeiten bei sich trägt, seit mehreren Tagen nicht mehr geduscht oder sich gewaschen hat und in den letzten Monat nur dreimal ein richtiges Dach überm Kopf hatte, versucht mit Nachdruck zu erklären, dass das alles gar nicht so ist, wie es aussieht. Auch wenn sie das von dem Journalisten angebotene „Hobo Standard Paket“, bestehend aus Essen, einem Bier und einer Zigarette, gerne annimmt.

Diese Passage höre ich, während ich mich auf einem Grasfleckchen vor einer Tankstelle auf dem Boden sitzend befinde. Ich habe mir soeben eine Packung Weizentortillas, eine Dose Bohnenpüree und eine kleine Dose Mischgemüse im tankstelleneigenen Supermarkt gekauft und bin nun dabei, selbst gemachte, improvisierte Gemüseburritos zu verschlingen. Um mich herum verteilt liegen mein großer Reiserucksack, in dem ich all meine Habseligkeiten verstaut habe, die ich für die nächsten anderthalb Monate brauche, mein Tagesrucksack mit Laptop und Portemonnaie und mein Jutebeutel mit einer Decke darin. Ich lache, während ich mir das Hörbuch anhöre. Dann halte ich kurz inne und lache noch mehr. Wenn Cheryl so wirkt – wie musste ich denn dann wirken? Ich, ein junges Mädchen, ganz alleine, irgendwo an einer Landstraße im mexikanischen La Paz, einen Burrito aus Supermarktzutaten herunterschlingend.

Lass die Dinge rankommen

Genau das sind solche Situationen, bei denen ich immer gesagt habe „Nein, sowas würde ich nie machen.“ Und das denke ich meistens noch weiterhin, während ich schon in der Situation drinstecke. Bis ich einen Moment innehalte und merke: „Hey, das ist ja gar nicht so schlimm.“ Wie ich dazu gekommen bin, alleine an einer Tankstelle mitten auf dem Boden zu sitzen? Mit einer Mitfahrgelegenheit, die ich über Facebook gefunden habe, und die mich im Endeffekt kostenlos mitgenommen hat, bin ich von Cabo San Lucas im Süden Baja California Surs weiter Richtung Norden nach La Paz gefahren. Dort sollte ich eigentlich bei einer Couchsurferin übernachten. Da diese aber erst in mehreren Stunden nach Hause kommen würde und ich befand, dass sich mit leerem Magen nicht denken lässt, kam ich also zu dem Entschluss, mit meinem großen Rucksack auf dem Rücken den Oxxo-Supermarkt zu plündern und danach nachzudenken, was ich denn mache. Gesagt, getan und mit vollem Magen beschloss ich, dann doch weiter Richtung Zentrum zu fahren, nahm einen Camion und sitze nun hier, in dem Sushi Restaurant, in dem ich gerade diese Zeilen schreibe. Und mit einem kühlen Bier.

Warum sich ständig einen Kopf machen?

Was genau will ich euch denn nun mit diesem kurzen Ausflug zu Jessys Reiseabenteuern durch Mexiko sagen? Nun, ich möchte euch hiermit eine Weisheit eröffnen, die ich durch Situationen wie diese hier gelernt habe: manchmal hilft es, weniger nachzudenken und einfach mal zu machen. Augen zu und durch. Na gut, vielleicht nicht zu, hin und wieder sollte man schon mal einen Blick nach links und rechts werfen. Aber eben einfach mal die Dinge angehen, ohne im Vorhinein vor Sorge, was denn unter Umständen vielleicht sein könnte, verrückt zu werden. Im Spanischen gibt es dafür das schöne Wort „preocuparse“, was „sich um etwas sorgen“ oder „Gedanken machen“ bedeutet. Es ist zusammengesetzt aus dem Präfix „pre“ („vor“) und dem Verb „ocuparse“ („sich mit etwas befassen“). Wortwörtlich bedeutet es also sowas wie „sich vor der eigentlichen Situation mit ebendieser Situation zu beschäftigen“, also noch bevor überhaupt irgendwas passiert ist. Welch poetischer Ausdruck für eine der wichtigsten Lektionen, die ich im Leben gelernt habe.

Das soll jetzt nicht heißen, dass man sich ohne sich zu informieren gleich komplett in alle Gefilde stürzen sollte. Informieren ist wichtig. Aber eben eines nach dem anderen und wenn vor Antritt eines Abenteuers nicht alle offenen Fragen geklärt sind, dann ist das auch völlig in Ordnung so. Das Leben kann man nicht für jede einzelne Sekunde durchplanen. Manche Dinge muss man einfach rankommen lassen und kann dann überlegen, wie man damit umgeht. Aber es gibt immer eine Lösung. Und wenn man sie allein nicht findet, dann sucht man sich halt Hilfe, so einfach. „No hagas planes“ – Mach keine Pläne. Mexiko hat mich da ganz schön beeinflusst. Aber hey, was wäre denn ein Abenteuer, wenn alles bereits vorauszusehen wäre? Wahrscheinlich ganz schön langweilig. Denn man lernt und wächst doch eigentlich erst, wenn man sich tatsächlich neuen und unbekannten Herausforderungen stellt. Also, versucht doch einfach mal, hin und wieder Dinge einfach zu wagen und euch nicht so viele Gedanken zu machen. Ihr werdet erstaunt sein, was für Welten sich euch dadurch eröffnen!

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